Carlo Mollino in München

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Wäre das Wort „Tausendsassa“ heute noch gebräuchlich, Carlo Mollino hätte die Bezeichnung verdient. Es fällt schwer, ihn einer Profession auch nur vorrangig zuzuordnen. Neben seinen Arbeiten als Architekt, Designer und Fotograf veröffentlichte er Essays zur italienischen Filmgeschichte und über eine von ihm entwickelte Technik des Abfahrtski. Er nahm aber auch mit seinem selbstentworfenen Rennwagen „Bisiluro“ am 24-Stunden-Rennen von Le Mans teil und flog als Kunstflieger waghalsige Shows. In der Rezeption seiner Arbeiten nehmen einige der Facetten allerdings eine prominentere Stellung ein als andere: Während Mollinos Möbel Höchstpreise erzielen, werden seine Architekturen dem Verfall preisgegeben; zu außergewöhnlich und exzentrisch scheint seine Ästhetik im großen Maßstab zu wirken. Eine reich bestückte Werkschau im Münchner Haus der Kunst soll dieses Ungleichgewicht korrigieren. Bis zum 8. Januar sind hier Zeichnungen und Architekturpläne, Möbel und Einrichtungsgegenstände, der „Bisiluro“, Fotomontagen und Polaroids mit weiblichen Aktdarstellungen, zahlreiche Essays und anderes Archivmaterial zu sehen, mit denen nicht nur die architektonischen Arbeiten Carlo Mollinos im öffentlichen Bewusstsein etabliert, sondern ein umfassender Überblick über sein vielfältiges Schaffen gegeben werden soll.

Verbindendes Element seiner Arbeiten in allen Disziplinen ist die Rolle, die er der Linienführung zukommen lässt. Mit ihr verbindet er in seinen Architekturen, seinen Möbeln, aber auch in seinen Fotografien barocke Opulenz mit surrealistischen Gegensätzen, wobei er den Grundsatz „Form follows Function“ verwirft und stattdessen nach Schönheit in der Zweckfreiheit strebt. Konsequenterweise sind fast alle seine Möbel als Einzelstücke konzipiert, die als autonome Kunstwerke verstanden werden sollten. Große Auflagen entstehen nur für Aufträge, die danach verlangen, wie etwa die Bestuhlung für den Lutrario Ballsaal oder die Sessel für die Casa Minola. Den Höhepunkt der Zweckfreiheit erreicht Mollino wohl in seinem eigenen Apartment, das heute als Casa Mollino ein ihm gewidmetes Museum beherbergt. Es war nicht darauf ausgelegt, bewohnt zu werden; kein einziges Mal hat er hier übernachtet. Viel mehr scheint er es mit der Anhäufung unzähliger Fotografien und persönlicher Schätze zu seiner Interpretation eines Mausoleums überformen zu wollen, als er 1973, im Jahr seines Todes, schreibt: „I am preparing, like the Chinese of rank who in life adorns his own mausoleum, a corridor of my house to be a twilit avenue where the photographs and many other mementos of life shall follow in sequence: all beautiful, or almost.“

Die Ausstellung ist die letzte im Haus der Kunst unter der Leitung von Chris Dercon, der im April 2011 die Stelle des Direktors der Tate Modern in London angetreten hat. Kokuratiert wurde sie von Wilfried Kuehn und Armin Linke, der eine umfangreiche Fotoserie beisteuert, für die er jedes noch existierende Architekturprojekt Mollinos fotografiert hat. Außer Armin Linke skizzieren zwei weitere zeitgenössische Künstler das Echo, das Mollinos Arbeiten heute erzeugen: Simon Starling mit dem Film Four Thousand Seven Hundred and Twenty Five (Motion Control / Mollino), 2007, dessen Hauptrolle ein Mollino-Stuhl spielt, und Nairy Baghramian mit der Installation „Teestube“, die sich auf Mollinos surrealistische Installation Té numero 2 bezieht.

Carlo Mollino – Maniera Moderna
Ausstellung bis 8. Januar 2012
Haus der Kunst, München
www.hausderkunst.de


Abbildungen

Carlo Mollino
Teatro Regio, 1965-73
Photo: Cavalli

Carlo Mollino
 Teatro Regio, 1965-73 (Detail) 

Photo: Armin Linke

Carlo Mollino
Lutrario Ballsaal in Turin, 1959
Photo: Armin Linke

Carlo Mollino
Innenansicht der Casa del Sole, Cervinia, 1947-55
Photo: Armin Linke

Carlo Mollino
Armchair for Casa Minola, 1946

Carlo Mollino
Chair for Mollino's studio at the Faculty of Architecture, 1959

Carlo Mollino
Casa Mollino, 1960-68
Photo: A. Bartos

Carlo Mollino
Untitled polaroid, 1960s

Carlo Mollino on his Bisiluro car, 1955
Photo: Invernizzi

Bisiluro da corsa, Nardi – Mollino – Giannini, 1955
© Alessandro Nassiri, Archivio Museo Scienza

Carlo Mollino, circa 1950

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